Dissertationen

Dissertationen des Themenbereiches Erziehungshilfe.

Hier finden Sie nähere Informationen zu den Dissertationen der Mitarbeiter*innen des Forschungsnetzwerks Erziehungshilfen.

Carolyn Hollweg

Hilfeplanung im Kontext von Mehrsprachigkeit

Angesichts der steigenden Zahl von Adressat*innen mit Flucht- und Migrationsgeschichte sieht sich die Kinder- und Jugendhilfe gegenwärtig mehr denn je mit mehrsprachigen Lebenswelten konfrontiert. Um ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen zu können, braucht es daher differenzierte Übersetzungsprozesse. Insbesondere im Rahmen der Hilfeplanung steigt der Bedarf an Sprachmittelnden. Diese sollen dabei helfen, Kommunikationsbarrieren zwischen pädagogisch Professionellen und Adressat*innen zu überbrücken. Dabei wird auf ehrenamtlich Sprachmittelnde ebenso zurückgegriffen wie auf das private Umfeld der Adressat*innen. Das Hilfeplangespräch gewinnt damit nicht nur an Beteiligten, sondern auch an Komplexität. Im fachlichen Diskurs fehlt jedoch bislang ein Austausch darüber, wie der mehrsprachige Aushandlungsprozess zwischen Fachkräften und Adressat*innen unter Mitwirkung von Sprachmittelnden adressat*innengerecht vollzogen werden kann. Wie wird die mehrsprachige Interaktion bewältigt und welche Rolle nehmen Dolmetschende darin ein?

Das Dissertationsprojekt beleuchtet diese Forschungslücke mit Hilfe einer konversationsanalytisch orientierten Videointeraktionsanalyse. Es geht der Frage nach, welche Herausforderungen sich in der spezifischen Interaktion zwischen Adressat*innen, Dolmetschenden und pädagogisch Professionellen konstituieren und wie diesen begegnet wird. Ziel ist es, Erkenntnisse zu gewinnen, die zu einer Weiterentwicklung von Jugendhilfeleistungen mit Dolmetschbedarf beitragen können.

Sophie Domann

Wie stellen sich Jugendliche in der Heimerziehung als Gruppe dar?

Die Jugendlichen, die in der Heimerziehung gemeinsam (vorübergehend) leben, bilden eine weitere Bezugsgruppe des Aufwachsens und werden in der Dissertation untersucht. Die Heimgruppe oder die peers als „Subkultur“ mit ihren eigenen Regeln und Strukturen, aber auch mit Freundschaftsbeziehungen und Unterstützungsleistungen untereinander werden anhand von Gruppendiskussionen sichtbar.
Wie leben sie also miteinander? Welche Regeln und Strukturen geben sie sich selbst? Und wie sehen sie sich gemeinsam als „Heimgruppe“ – welche Praktiken zeigen das doing Heimgruppe?

Die befragten Jugendlichen sind zum Zeitpunkt der Befragung selbst noch Teil der Heimgruppe und des Hilfesystems. Sie bilden einen anderen Ansatzpunkt der bisherigen Heimforschung, die sich bisher auf Einzelinterviews und retrospektive Einschätzungen fokussierte.

Die Ergebnisse können zu einem weiteren Verständnis für die Perspektiven der Jugendlichen beitragen, die in der Heimerziehung leben.

Die Dissertation ist mit der Veröffentlichung Domann, Sophie 2020: Gruppen Jugendlicher in der Heimerziehung (Beltz Juventa, Weinheim) abgeschlossen.

Carolin Ehlke

Care Leaver aus Pflegefamilien

Care Leaver, junge Menschen, die in stationären Erziehungshilfeeinrichtungen (§ 34 SGB VIII) und/oder Pflegefamilien (§ 33 SGB VIII) aufgewachsen sind, sind im Vergleich zu ihren Peers mit mehr Herausforderungen auf dem Weg ins Erwachsenenleben konfrontiert. Neben kritischen Bildungswegen, psychischen Erkrankungen, früherer Elternschaft, häufigerer Obdachlosigkeit sowie Drogen- und Alkoholabhängigkeit sehen sich Care Leaver vor allem strukturellen Hürden gegenüber. Obwohl es in Deutschland eine Rechtsgrundlage (§ 41 SGB VIII) gibt, die eine Verlängerung der Hilfen bis 21 Jahre und in Ausnahmefällen bis 27 Jahre gewährleistet, enden diese Hilfen häufig mit dem Erreichen der Volljährigkeit.

Im Vergleich zu internationalen Studien ist die deutsche Forschung zum Thema Care Leaver bzw. Leaving Care, insbesondere mit Blick auf Pflegefamilien, noch wenig fortgeschritten. Das Dissertationsprojekt „Care Leaver aus Pflegefamilien“ stellt diesen empirisch kaum bis gar nicht untersuchten Übergang von der Erziehungshilfe in ein eigenständiges Leben in den Mittelpunkt. Über problemzentrierte Interviews mit Care Leavern soll die Adressat_innenperspektive erfasst und damit die sozialen Unterstützungsstrukturen und –netzwerke während dieses Prozesses untersucht werden. Diesbezüglich ist das Konzept der „sozialen Unterstützung“ nach Nestmann (2010) zentral, der diese Form der Unterstützung als ein wichtiges Kriterium für die Bewältigung von kritischen Lebensereignissen und Übergängen beschreibt.

Anke Kuhls

Erstgespräche im Bewerbungsprozess zwischen Pflegepersonen und Fachkräften der Pflegekinderhilfe

Um als Pflegefamilie zu arbeiten und ein Pflegekind im eigenen Haushalt aufzunehmen, sind besondere Voraussetzungen notwendig und erforderlich. Die Feststellung dieser „Eignung“ ist gesetzlich vorgeschrieben und fällt in die Zuständigkeit des Jugendamtes. In Deutschland wird sie als hoheitliche Aufgabe wahrgenommen. D.h. Fachkraft und Pflegeelternberwerber*innen stehen sich in einem Über-, Unterordnungsverhältnis gegenüber. Werden diese Interessent*innen um ein Pflegekind in den Bewerber*innenpool aufgenommen, folgt meist eine jahrelange Zusammenarbeit. Die Art der Begegnung als Leistungsanbieter einerseits und andererseits Leistungserbringer, Erfüllungsgehilfe oder als kompetente Person in Erziehungsfragen bestimmt die Qualität dieser zukünftigen Zusammenarbeit und möglicherweise den Erfolg der Hilfeform. Das Erstgespräch in der Pflegeelternbewerbung initiiert dieses besondere Arbeitsbündnis. Das Forschungsinteresse liegt hier in der Untersuchung der Strukturen und der Abläufe von Erstgesprächen. Es erforscht mögliche Zusammenhänge und deren Entwicklungen. Dabei sollen Ressourcen herausgearbeitet und identifiziert werden, damit der kooperative Prozess zwischen den Beteiligten aufgezeigt und verbessert werden kann.

Anna Renker

Kategorisierungsarbeit in der Hilfeplanung.

Die Verfahren der Hilfeplanung gelten als das zentrale Kernstück der Kinder- und Jugendhilfe. Sie sollen im Kontext behördlicher Entscheidungs- und Bearbeitungsprozesse geeignete Hilfen unter Beteiligung der Adressat*innen ermöglichen. Als „Beispiel praktischer Bürokratie“ (Lau/Wolff 1981) verdeutlichen Jugendamtsakten organisationale Bearbeitungsweisen im Spannungsfeld zwischen Adressatenorientierung und wohlfahrtsstaatlicher Verwaltungsförmigkeit. Der organisationalen Kategorisierungsarbeit kommt dabei ein wesentlicher Stellenwert zu und verdeutlicht immanente organisationale Bearbeitungsmodi der Fallbearbeitung. Denn Kategorisierungen ermöglichen die Transformation individueller Lebenslagen in verfahrenskonform verwaltbare Fälle und prägen das organisationale Prozessieren im Zuge der Hilfeplanung.

Diese Ausgestaltung behördlicher Prozesse erscheint widersprüchlich zum Anspruch moderner Kinder- und Jugendhilfe nach einer partizipativen und inklusiven Ausrichtung der Hilfeplanung. Daher stellt die Studie ‚Hilfeplanung in der Kinder- und Jugendhilfe‘ die Involvierung der Adressat*innen in die behördliche Fallbearbeitung in ihren Mittelpunkt und eröffnet dadurch den Blick auf Möglichkeiten adressatenorientierter Organisation sozialstaatlicher Hilfeleistungen. Die Analyse orientiert sich am Vorgehen der ethnomethodologischen Dokumentenanalyse und untersucht Akten als kommunikative Werkzeuge der Fallbearbeitung dahingehend, wie durch Mitgliedschafts-Kategorisierungen der Adressat*innen Fälle für das Jugendamt konstruiert werden.